[...] Du bist hier im Tierheim, Dummerchen. Was dachtest du denn? Sein tiefes Lachen
hallte zwischen den kargen Mauern und Metallgittern. Bobbel, so hieß der dicke Bernhardiner,
erklärte mir alles über das Leben in Tierheimen. Er war schon sehr lange hier, denn Hunde
in seiner Größe wollen nur wenige Erdlinge haben. Besonders in den großen Städten hat auch
kaum jemand Platz für solch einen riesigen Hund. Und je älter er hier wurde, desto kleiner wurde die Chance eine Familie zu finden, weil die meisten Erdlinge lieber junge Hunde haben wollten. Die Familie aus der er kam, hatte ihn als Welpen gekauft weil er so niedlich war, ohne darüber nachzudenken wie groß er einmal werden würde. Und kaum war er ausgewachsen, da wurde er ihnen lästig und zu teuer. Sie fuhren mit ihm in eine fremde Umgebung, banden ich an einen Baum und machten sich schnell aus dem Staub. Sie hatten ihn einfach ausgesetzt! Wozu manche Erdlinge fähig waren! Ich konnte es kaum fassen. Worauf hatte ich mich nur eingelassen? Es war mein zweiter Tag auf der Erde, und ich hatte bisher nur Schlechtes erfahren. Ich bereute es, diese Expedition angetreten zu haben. Ja am liebsten wäre ich sofort auf meinen Planeten zurück gekehrt, aber abgesehen davon, dass ein Flupsianer niemals ein Versprechen bricht, hätte ich gar nicht zurück gekonnt, denn ich war hier eingesperrt.
Jetzt ist Wochenende, am Montag kommt der Tierarzt. Dann werden sie dich impfen, entwurmen
und kastrieren, erklärte mir Bobbel.
Was??? Auf keinen Fall! Ich musste vorher
hier raus! Der Tierarzt würde feststellen, dass ich kein normaler Hund war! Und nebenbei
bemerkt - kastriert werden wollte ich schon gar nicht! Das konnte ich auf keinen Fall
zulassen! Nein egal wie ich musste hier raus! Bobbel staunte nicht schlecht, als ich
ihm erzählte woher ich kam, und aus welchem Grunde ich auf der Erde war. Und er sah ein,
dass ich auf keinen Fall zur tierärztlichen Untersuchung antreten konnte. Gemeinsam
erarbeiteten wir einen Fluchtplan für mich.
Er wollte nicht mit mir fliehen, aber er
wollte mir helfen zu entkommen. Die Türen unserer Zwinger waren mit einer speziellen
Technik gesichert, weil schon einige Hunde durch intensives Kratzen an den Gittern den
Riegel geöffnet hatten. Man musste einen kleinen Metallstift in eine Öffnung drücken,
bevor man den Riegel öffnen konnte. Den Metallstift trug der Tierpfleger mit einer
kleinen Kette an seinem Gürtel befestigt. Es würde nicht leicht werden hier raus zu kommen,
soviel stand fest[...]
[...]Mein Weg führte mich in einen kleinen Ort. An einem Schulhof blieb ich eine Weile
stehen, um das Verhalten der Erdlingskinder unter gleichaltrigen Artgenossen zu studieren.
Eine Gruppe von Mädchen stand kichernd und tuschelnd zusammen. Eine Gruppe von Jungs
steckte die Köpfe über einem Heftchen zusammen und sonderte seltsame Laute wie Boah ey
und Mann ey ab. Sie machten dabei große Augen. Leider konnte ich nicht erkennen worum
es in diesem Heftchen ging, die Entfernung war zu groß.
Aber ich wollte nicht
von den Kindern bemerkt werden und blieb in der Entfernung. Eine andere Gruppe von
Mädchen spielte mit einem Gummiband, das zwei der Mädchen mit ihren Beinen auf
Kniehöhe gespannt hatten, während andere abwechselnd in verschiedenen Figuren darüber
sprangen. Sie schienen viel Spaß dabei zu haben. Es gefiel mir diesen hüpfenden und
lachenden Kindern zu zusehen, und ich beobachtete sie eine ganze Weile. Plötzlich ging
eine Gruppe von größeren Jungs auf die spielenden Mädchen zu. Schön, dass die Jungs
jetzt mit den Mädchen zusammen spielen wollen, dachte ich noch.
Aber was machten
die da? Sie schubsten die Mädchen herum und nahmen ihnen das Gummiband weg!
Einfach so, ohne jeden erkennbaren Grund! Sie schienen sogar Spaß daran zu haben, dass
eines der Mädchen zu weinen begann! Ich traute meinen Augen kaum. Sicher, ich war
eigentlich nur zur Beobachtung hier, aber jetzt musste ich doch mal eingreifen! Nein,
das konnte ich nun wirklich nicht tatenlos mit ansehen! Ich lief auf den Schulhof und
versuchte dem großen Jungen das Gummiband wieder abzunehmen. Ich packte es mit meinen
Zähnen, und zog daran so fest ich nur konnte. "Hau ab du blöder Köter!", schrie der Kerl
mich an. Ja hatte der denn gar keinen Respekt vor mir?
Um meiner Bitte um Gummiband
Nachdruck zu verleihen, knurrte ich wie ein richtiger Hund. "Ruft die Polizei, hier
ist ein gefährlicher Hund auf dem Schulhof!", kreischte eine hysterische Stimme. Es
war eine Lehrerin, die plötzlich herbei eilte. Wie bitte??? Ein gefährlicher Hund?
Das war ja wohl ein schlechter Scherz! Und überhaupt wo war die denn vorher?
Wäre es nicht ihre Aufgabe gewesen hier rechtzeitig einzuschreiten? Wie auch immer mit
ihrem plötzlichen Auftauchen und dem hysterischen Geschrei brach das Chaos aus!
Einige Kinder rannten panisch kreischend davon, und aus der Ferne konnte ich tatsächlich
schon eine Polizeisirene hören!
Nichts wie weg hier, die würden mich doch wieder in ein
Tierheim stecken. Einmal war ich ja schon entkommen, aber wer weiß ob ich noch mal
einen so kompetenten Fluchthelfer finden würde wie Bobbel? Nein, dieses Mal musste
ich schon vorher entkommen! Ich rannte also los so schnell ich konnte. Genau in dem
Moment, als ich das große Schulhoftor passierte, fuhr der Streifenwagen vor. Die Beamten
sprangen heraus und versuchten mich aufzuhalten, aber ich konnte ihnen blitzschnell
durch die Beine huschen. Die Verfolgungsjagd begann. Einer der Polizisten nahm zu
Fuß die Verfolgung auf, der Andere sprang wieder in den Streifenwagen. Sie hetzten
mich die Dorfstraße entlang. "Hier hin! Bei Fuß!" schrie der Eine immer wieder.
Ja für wie blöd hielten die mich denn?
Plötzlich fiel ein Schuss! Die schossen auf mich!
Mein Herz raste, meine Pfoten glühten schon fast vom Rennen über den rauen Asphalt.
Ich musste sie abschütteln! Ich sprang über einen Zaun in den Vorgarten eines Hauses,
hinein in einen anderen Garten, quer durch ein Blumenbeet, über eine Hecke, bog um
einige Häuserecken, bis ich mich schließlich im Kellereingang eines kleinen Häuschens
versteckte. Das Pochen meines Herzens dröhnte mir bis in den Kopf. Hatte ich sie
abgeschüttelt? Oder würden sie mich gleich finden? Ich wollte lauschen ob ich
Schritte hören konnte, aber ich musste so laut hecheln, dass ich kaum noch etwas
wahrnehmen konnte. Ich war am Ende meiner Kräfte. Mein ganzer Körper zitterte
vor Angst und Entsetzen [...]
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