Norddeutsch? Oder nur ungehobelt?
Eine Geschichte von Johannes Bildau
Am Rande des Ortes liegt die kleine Gasse mit dem Namen Mehlsgang. Bei unserem morgendlichen Gang auf dem Weg ins Grüne, zur Erledigung von Geschäften und dem Lesen der Hundezeitung (schnuppern) genoss ich die Ruhe und Beschaulichkeit und Lorchen, unsere Rauhaardackelhündin, die anregenden Gerüche dieses stillen Winkels. Charmant, gemütlich und gepflegt, die kleinen Häuschen mit den schönen Vorgärten.

Dabei trafen wir gelegentlich einen uns freundlich grüßenden älteren Radfahrer. Ein Bewohner der kleinen Gasse. Fischer gewesen oder Seemann vielleicht, ein wettergebräunter kräftiger Typ. Gemächlich radelte er in Richtung Hafenstraße, um frischen Fisch einzukaufen. Hin und wieder konnten wir das am Einkaufsbeutel erkennen, wenn wir ihn auf der Rückfahrt trafen.
In guter Laune hielt er eines Morgens an, stieg ab und fing ein Gespräch über Vierbeiner an. Jovial erkundigte er sich nach Lorchens Befinden und nach ihrem Alter. Keck und in ebenso guter Stimmung gab ich ihm locker Bescheid: der Hund sei in den besten Jahren. Ließ er doch diese Äußerung nicht gelten und meinte, durch eigene lange Erfahrungen mit Hunden könne er das schon abschätzen. Mir blieb nichts anderes übrig, als mit Lorchens wirklichem Alter, 12 Jahre, herauszurücken.
"Na, dann ist sie ja bald am Ende" meinte er daraufhin ganz trocken. Oha, das verschlug mir glatt die Sprache und traf in die Magengegend. Vom Tiefschlag erholt, zählte ich ihm einige von Lorchens "Leistungsmerkmalen" auf: Mitlaufen am Fahrrad, Spielen mit anderen Hunden, hervorragende Augen, ebenso Nase, Ohren und Zähne. Quicklebendiger, munterer und durchtrainierter Hund. Restlos überzeugen wollte ich ihn mit dem Hinweis, daß ihre Vorgängerin, ebenfalls eine Rauhhaardackelhündin, ein Alter von 16 Jahren ereichte.
Seine nüchterne Bemerkung an diesem frühen Morgen hatte mich für einen kurzen Moment aus der Spur geworfen. Topfit und gut aufgelegt, wie wir beide, Hund und Herrchen, uns heute fühlten, bestand kein Anlaß, unserem "freundlichen" Mitmenschen gegenüber, trotz seiner Klobigkeit, nachtragend zu sein. So tauschten wir noch Erfahrungen über das Leben mit Hunden aus. Einige Gemeinsamkeiten aus jahrzehntelangem Umgang mit den Vierbeinern traten dabei zutage.
Wenn auch ungewohnt direkt und gerade heraus diese norddeutschen Menschen sind: Ein X für ein U vormachen lassen sie sich nicht und das macht sie im allgemeinen zu sympathischen Landsleuten. Obwohl ihnen hier und da ein bisschen Diplomatie gut anstehen würde. Wir sind uns weiterhin freundlich grüßend begegnet.
Zingst, auf dem Darß an der Ostsee, heißt der schöne Ort, in dem sich diese kleine Begebenheit ereignete.
Heute vor einem Jahr ist unser Lorchen über die Regenbogenbrücke gegangen.
Autor: Johannes Bildau
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