Meine beste Freundin
Eine Geschichte von Johannes Bildau
Ich, Lore von der Hornbostel, war gerade ein paar Monate in meiner Menschenfamilie. Als junge Rauhaardackelhündin war ich voller Lebenslust und stolz auf mein saufarbenes Kleid. Ich hatte mein geräumiges Zuhause mit schönem Garten in Besitz genommen, Herrchen und Frauchen liebgewonnen. Sie waren begeistert von mir und ich von ihnen. Gern hörte ich auf "Lorchen", meinen Rufnamen. Beide kümmerten sich rührend um mich, hatten Verständnis für meinen Übermut, meine Neugier und ich hatte bald meine Mutter und die sieben Geschwister vergessen.

Mein Bewegungstrieb war nicht zu bremsen, ich raste durch den Garten und hinter allem her, was sich bewegte. Ich fühlte mich rundherum glücklich und zufrieden, war dauernd auf dem Sprung, um ja nicht irgendwelche Neuigkeiten zu verpassen. Zuhause und auch auf den Waldgängen mit Herrchen oder Frauchen. Dort gab es Hunde aller Größen und mancher von ihnen machte mir mit seiner Frechheit schon mal Angst. Ich war noch ein bisschen verklemmt und zog lieber den Schwanz ein.
Da tauchte eines Tages mit ihren Leuten, eine stolze braunweiß gefleckte Hundedame auf. Linde von der Bentstreeker Heide, aus der Jagdhundesippschaft "Kleine Münsterländer". Sie lebte in einem Försterhaushalt, bei Verwandten meiner Familie und half ihrem Herrchen bei der Jagd. Das war ihre angeborene Leidenschaft. Dreimal so groß wie ich, hatte sie ein glänzendes Fell und einen schlanken Körper. Ebenso einen schönen Kopf mit klarem Blick aus braunen Augen. So schön möchte ich auch sein, wenn ich groß bin. Ich hatte mächtigen Respekt vor ihr.
Sie erwies sich jedoch gleich als echte Freundin, balgte sich mit mir herum und brachte mir allerlei Tricks bei. Ließ sich von mir schon mal ins Fell zwicken, ohne zurück zu beißen. So legte sie sich auf den Rücken, ließ mich spielerisch an ihrer Kehle knibbeln, um mir zu zeigen, wie ich anderen Hunden meine Friedfertigkeit beweisen kann. Aber auch Knurren, Zähnefletschen, Rückenhaare aufstellen und mal weniger, mal kräftiger zuschnappen. Das und noch anderes brachte sie mir geduldig bei. Wir tobten bis zur Erschöpfung und verstanden uns prächtig. Vielleicht, weil wir beide Jagdhunde als Eltern hatten. Diese Übungen bei unseren wechselseitigen Besuchen haben uns immer Freude und mir Mut gemacht. Manch ein Draufgänger, egal welcher Größe, wird nach einer Rempelei gedacht haben: "Donnerwetter, das hätte ich der Kleinen nicht zugetraut". Er zog friedlich davon und begegnete mir zukünftig zurückhaltender.

Und ich bin manch einem Raudi mit dem Gedanken begegnet: "Komm ruhig näher, du Angeber, du wirst dich wundern." Und so waren die Verhältnisse oft in kurzer Zeit geklärt. Ich genoss den Respekt, ohne Sympathie einzubüßen. Konnte aber auch manchem Streit friedfertig aus dem Wege gehen.
Meine Freundin hat mich gelehrt, mich zu wehren, aber keinen Beißer aus mir gemacht. Ich habe natürlich mein Revier, unseren Garten, durch kräftiges Bellen verteidigt. Zu Menschen war ich immer freundlich, wie umgekehrt die meisten auch zu mir.
Linde hat mich fürs Leben fit gemacht. Viele Jahre, bis zu ihrem Abschied von dieser Welt, waren wir beide beste Freundinnen. Was unter uns Hundedamen nicht immer die Regel ist.
Autor: Johannes Bildau
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