ER
Eine Geschichte von Dirk Englisch
Es war mal wieder einer von diesen langweiligen Sonntagabenden Ende Februar. Heute war ein schöner Sonnentag. 7° C minus und morgens leichter Schneefall, den die Mittagssonne nicht hat schmelzen können. Der Boden war auch nachmittags noch gefroren - aber zum Glück hatte der eisige Ostwind nachgelassen und etliche Spaziergänger waren auf den Straßen des kleinen Ortes zu sehen. Viele nutzten die Sonnenstrahlen, um ihren Hund Gassi zu führen, oder mit dem Ehepartner einen kurzen Spaziergang zu machen. Du warst auch dabei… mit Schal, Mütze, Handschuhen und Hund.

Jetzt schläft Dein treuer Begleiter und Du sitzt schon seit mehr als 2 Stunden gelangweilt vor der Glotze. Nichts was Dich wirklich interessiert flimmert über den Bildschirm. Ich glaube man(n) nennt das Ablenkung - aber wovon? Von der Niederlage Deines Fußballvereins, von der mal wieder gähnenden Leere des Kühlschrankes, oder einfach nur von dem Gedanken an Morgen. Der Wetterbericht hat Schneefall und Dauerfrost für die nächsten drei Tage angesagt. Deine Gedanken gehen Richtung Montag morgen halb sieben. Dann klingelt mal wieder unerbittlich der Wecker und der Vierbeiner steht freudig vor Deinem Bett und möchte Gassi gehen. Das Wetter ist ihm im wahrsten Sinne des Wortes sch…egal. Sein Bedürfnis ist größer als die Vernunft (bei solch einem Wetter nicht nach draußen zu gehen).
Aber das ist Dir im Moment ehrlich gesagt auch sch…egal. Ist ja noch lange hin bis Morgen. Fopp - das dumpfe Geräusch des Flaschenöffners, der die letzte Flasche Bier öffnet, weckt natürlich nicht nur Dich aus Deiner Lethargie, sondern auch den Vierbeiner aus dem wohlverdienten Schlaf. Mit einem müden und einem nicht ganz so wachen Auge schaut er Dich an. Er gähnt noch einmal ausgiebig - streckt sich… sieht Dich… freut sich und kommt auf Dich zu. Du liegst immer noch auf dem Sofa und freust Dich innerlich, dass es ihm gut geht - Deinem treuen Vierbeiner. Ja, komm, sei ehrlich. Du bist wirklich stolz auf ihn. ER ist schon ein toller Kerl so wie er jetzt vor Dir steht - Auge in Auge.
Er blickt Dich treu und erwartungsvoll mit seinen braunen Rehaugen an. "So ehrlich kann keine Frau schauen" denkst Du bei Dir. Du hast Recht. Du musst es ja wissen. Du warst ja schon mal verheiratet. Du hattest ja auch schon mal einen Hund (und er schaute Dich auch so an wie ER jetzt) - Nobby hieß der freche Kerl… ein reinrassiger Mischling. Hellbraun, mittelgroß, mit weißer Brust, ein fröhliches und zufriedenes Tier. ER ist ein Rüde (genau so wie Dein erster Hund). ER ist so wie Dein bester Freund. Der fragt auch nicht ob es richtig ist, was Du tust… er akzeptiert es einfach.
ER ist größer als Nobby, hat ein anderes Fell, frisst mehr. ER ist aber vom Wesen und seiner Art nicht anders: verspielt, schmusig, anhänglich und treu, geht für Dich ohne Wenn und Aber bis an die Grenzen seiner Leistungsfähigkeit, gibt für dich sogar sein Leben wenn es sein muss. WER würde das für Dich tun? Nur Dein Hund - in diesem Fall ein weißer Schweizer Schäferhund.
Seine kalte Schnauze hat sich bis auf ein paar Zentimeter Deinem Gesicht genähert. Du schaust in seine braunen Augen und kannst gar nicht so schnell reagieren wie Du "eigentlich" solltest. Vielleicht willst Du es ja auch nicht. Die nächsten 10 Sekunden laufen ab wie in Zeitlupe… und Du genießt diese Zeit.
Vor Dir tun sich zwei gewaltige Zahnreihen auf. Szenen aus dem Film "Der weiße Hai" schießen Dir durch den Kopf. Doch diese Zähne, die Du siehst und die Dir mit Leichtigkeit ernsthafte Verletzungen beibringen könnten, meinen es nur gut mir Dir. Diese Zähne werden dir niemals mutwillig Schmerzen zufügen.
Und dann diese riesige Zunge… sie fährt wieder und wieder über Dein Gesicht. Dabei hast Du Dich heute morgen schon ausgiebig gewaschen und nachmittags geduscht. ER will doch nur die Aufmerksamkeit auf sich lenken und Dir zeigen, wie sehr ER Dich liebt… und DU genießt es… in vollen Zügen… jeden Schleck durch Dein Gesicht… Du spürst auf einmal wieder diesen Druck in der Magengegend und kannst Dich kaum noch bewegen… ER ist aufs Sofa gesprungen hat es sich auf Dir bequem gemacht.
"Ja doch Charly, wir beide gehen jetzt noch mal nach draußen." sind Deine Worte und die Freude des "weißen Riesen" nimmt zu. Blitzschnell kommt die Zunge noch einmal auf Dich zu und Du kannst ihr nicht mehr ausweichen… und Du willst es jetzt auch gar nicht mehr!
Du streichelst ihn und ER jault vor Freude und Du weißt genau: so kann sich nur ein Tier freuen. Ein Tier, das ohne Vorurteile einen Menschen akzeptiert. Wer außer Dir weiß so ein Verhalten noch zu schätzen - und Du missbrauchst dieses Vertrauen nicht!
21.38 Uhr - es ist soweit. Eingepackt in dicker Jacke, Schal, Handschuh und Pudel-Mütze (Charly möge es mir verzeihen) verlasse ich mit ihm die warme Wohnung. Kurzer Blick auf´s Thermometer: minus 9° C, windstill, stockdunkel - Vollmond. Super Wetter! Du frierst Dir schon nach 50 Metern den "Allerwertesten" ab. Deinen Kumpel stören die eisigen Temperaturen nicht. ER ist bester Laune, denn er mag die verschneiten Felder und Wiesen, die ihr beide schon heute Vormittag durchstreift habt.
ER ist noch an der Leine - wegen Nachbars Katze, die immer über unser Grundstück schleicht. 200 m weiter mache ich die Leine vom Halsband los und ER genießt die Freiheit. Charly erreicht 4 Sekunden später den rettenden Laternenmast und kann seine erste Duftmarke setzen.
Während wir weitergehen, verlieren sich die umliegenden Häuser langsam im Dunkeln. Nichts als Wiese, Feld und Stille um uns herum. Ich höre nur noch Charly´s Schritte und das Rascheln des gefrorenen Laubes der Weiden und Birken, wenn ER nach Spuren anderer Hunde sucht.
Langsam, aber stetig beginnen die schemenhaften Umrisse des links vor uns liegenden alten Rittergutes Gestalt anzunehmen - Haus Kilver. Das fahle Licht des Mondes lässt es fast schon gespenstisch aussehen. "Jetzt fehlen nur noch ein paar Fledermäuse, etwas Wolfsgeheule und das Ortseingangsschild von Transsylvanien" denkst Du bei Dir.
Die große Hecke rund um das Anwesen lädt zu weiteren Kennzeichnungen seines Reviers ein. Dann werden seine Schritte auf einmal schneller und fast wäre er in der Dunkelheit verschwunden… plötzlich hält er inne, schaut sich nach Dir um und wartet bis Du einige Schritte näher gekommen bist. Alles klar - Zeit fürs "große Geschäft". Der letzte big business für heute.
Erleichtert läuft er freudig auf Dich zu und kneift übermütig in Dein linkes Handgelenk. Erst ganz vorsichtig, dann ein wenig kräftiger. Du trägst heute Abend dicke Handschuhe, die den Druck seines Ober- und Unterkiefers etwas verringern. Wegziehen kannst Du Deine Hand nicht mehr, denn sie steckt immer noch in seinem Maul und wird genussvoll durchgekaut. "Aua" hast Du auch noch nicht gesagt und so kommt was kommen muss. Das worauf Du in Wirklichkeit schon gewartet hast. Du brauchst es… Du willst es spüren… wann passiert es endlich? Es ist es abendliche Kick, den Du suchst und bekommst: Endlich kannst Du Deine Hand befreien und erhälst dafür einen deutlich spürbaren Biss in den Unterarm. Darauf hast Du gewartet… ER auch. Nun kannst Du "Aua" sagen und ihr beide seid zufrieden…
"Ab nach Hause" denkst du bei Dir, denn die Kälte zieht langsam an Dir hoch. Es gibt um diese Zeit nicht mehr viel, was Dich in dieser Ecke der Welt aus der warmen Stube locken könnte. Die Bürgersteige (sofern vorhanden) sind schon hochgeklappt und Fuchs und Hase haben sich auch schon Gute Nacht gesagt… nur der Vierbeiner ist noch nicht müde. Also los, weiter geht´s. Der Hund dankt es Dir, indem er an Dir hochspringt und die Jacke mit seinen Pfotenabdrücken verziert. Tolles Design - hat hier im Dorf keiner. Du bist stolz auf Deinen Hund.
Haus Kilver verliert sich im Dunkeln hinter Dir und Du erreichst den Abzweig zum "Sachsenweg". Die riesige Eiche, die dort steht (man schätzt sie auf ca. 250 Jahre), hatte heute Nachmittag im Schein der untergehenden Sonne ein tolles Bild abgegeben. Jetzt bei Vollmond sieht sie doch schon etwas unheimlich aus. Charly setzt dicht neben dem dicken Stamm seine Duftmarke und schaut sich immer wieder nach Dir um. "Ja doch… ich komme ja mit. Alter Mann ist kein D-Zug" murmelst du leiser vor Dich hin. Der Hund scheint es zu verstehen und wartet geduldig. Dann trottet er verständnisvoll neben Dir her… weiter in Richtung Kälte und Dunkelheit.
Plötzlich bleibt er stehen, den Kopf oben und schaut nach links in Richtung Feld. Hat sich da etwas bewegt? Nein, du kannst nichts erkennen. Alles ist still.
Ach ja, 200 Meter voraus bist Du ja heute Nachmittag links abgebogen. Zu "Brüngers Landwirtschaft" (ein super Bauerncafe… siehe auch: www.bruengers-landwirtschaft.de). Den Hund hattest Du natürlich auch mit dabei und weil er ein kluger Hund ist, hat er sich den Weg gemerkt. So gegen 16.00 Uhr bist Du mit dem "großen Weißen" dort eingekehrt. "Was darf´s denn sein? Kaffee, Tee oder heiße Schokolade?" fragte Dich die nette Bedienung. Du hast Dich aber den Außentemperaturen angepasst und ein kühles Bier bestellt. Ein großes "Weltenburger" vom Fass. Am besten wäre noch ein Stück von der grandiosen Schwarzwälder Kirschtorte gewesen… hätte aber ein wenig komisch ausgesehen. Also wurde die Käseplatte mit Vollkornbrot gewählt. Einfach Spitze…
Noch ein Weltenburger (Vollkornbrot ist ja ziemlich trocken… grins) und zum guten Abschluss noch einen eiskalten Wacholder. Für Charly gab es eine dicke Scheibe Wurst - natürlich aus Brüngers eigener Herstellung - und einen Napf Wasser. Dann ging es weiter Richtung Heimat.
Schöne Erinnerungen an einen herrlichen Nachmittag.
Du streichelst den Hund über den Kopf, verdrängst Deine Gedanken und gehst mit ihm weiter durch die Kälte und Dunkelheit. Mit jedem Meter den Du gehst kommt es Dir kälter vor. Der Wind hat zwar nicht zugenommen, aber er bläst Dir immer noch eisig ins Gesicht.
Der Bachlauf, an dem Charly sonst immer einen Drink nimmt - Kilvertaler Mineralbrunnen - ist zugefroren und somit fällt der erfrischende Schluck heute wohl aus.
"Bald haben wir es geschafft" denkst Du bei Dir und lenkst die Schritte den gewohnten Weg. Charly bleibt treu an der Seite… spitzt auf einmal die Ohren… und bleibt stehen… Du auch. Ein leises Knurren des Vierbeiners… dann wedelt die Rute. Schemenhaft kannst Du zwei Schatten erkennen, die auf Dich zukommen. Charly wird unruhig. Noch fünf Meter, dann haben die Schatten Dich erreicht. Jetzt kannst Du sie erkennen: Johann-Eric und Bonny. Johann-Eric ist Auszubildender zum Forstgehilfen und Bonny ist sein 9monate alter Jagdhund. Gute Bekannte von Dir, denn die beiden wohnen in Deiner Straße… nur 100 Meter von Dir entfernt. Sie kommen aus dem nahe gelegenen Wald, haben dort nach dem Rechten geschaut und die Futterstellen für die Rehe und die anderen Waldbewohner kontrolliert und aufgefüllt.
Charly und Bonny freuen sich, einander zu sehen und beginnen zu spielen. Du begrüßt Deinen Nachbarn und fragst, wie die Lage ist und ob der Heimweg gemeinsam angetreten werden soll. Na klar, was denn auch sonst. Warum sollt ihr beiden denn getrennte Wege gehen. Nach ein paar Metern erreicht ihr die kleine Holzbank, von der man tagsüber eine tolle Aussicht über die verschneiten Felder und Wiesen hat. Mit Blick auf die Kirche und die umliegenden Bauernhöfe.
Zigarettenpause. Die wird einstimmig beschlossen. Die beiden Hunde toben immer noch durch Schnee und Dunkelheit. Ein kurzer Ruf und beide sind "bei Fuß". Zigarette angesteckt, die Bank vom Schnee befreit und hingesetzt. Johann-Eric nimmt den Rucksack ab und zieht den Reissverschluß auf. Ein Griff hinein und die Thermoskanne hervorgeholt. "Jetzt noch Kaffee?" Falsch gedacht. "Möchtest Du auch noch einen Glühwein?" wirst Du grinsend gefragt. Na klar. Was könnte jetzt besser sein als ein Glühwein?!
"Normalerweise ist der Förster abends immer mit auf Tour. Die dauert immer so vier bis fünf Stunden. Kommt drauf an, wie leer oder voll die Futterstellen sind." wird Dir erklärt. "Und heute?" fragst Du laienhaft. "Heute Abend ist er zum Geburtstag seines Bruders. Da musste ich alleine los - aber nur die kleine Runde. Die große Tour haben wir heute Nachmittag schon gemeinsam kontrolliert."
Noch ein wenig small-talk, die Zigarette ist eh schon aufgeraucht und ab geht's nach Hause. Auf dem Weg dorthin (noch ca. 10 Minuten) laufen die Hunde artig an der Seite ihres Herrchens und setzen hier und da noch eine Duftmarke. "Ich habe dem Förster von Charly erzählt" sagt Johann-Eric auf einmal zu Dir. "Auch das er ein toller und braver Hund ist, der auf die Kommandos hört und dem Wild nicht hinterherjagd. Er ist damit einverstanden, dass Du ihn im Wald auch ohne Leine laufen lassen kannst wenn Du möchtest." "Das ist ja toll. Vielen Dank dafür." Sind die Worte, mit denen Du Dich bedankst. "Morgen werde ich Bonny einen Kauknochen bringen" denkst Du.
Mit noch ein wenig belanglosem Gerede erreicht ihr beiden nun das Haus, in dem Johann-Eric und Bonny wohnen. "Gute Nacht… bis demnächst." Mit diesen Worten verabschiedest Du Dich von den beiden und trittst die letzten Meter durch die kalte Nacht an.
Endlich ist auch Deine Haustür erreicht. Das Handtuch liegt parat, um Charly die Pfoten zu säubern und zu trocknen. Jetzt nur noch die Treppe rauf und rein in die warme Stube. Charly schüttelt sich noch einmal und läuft dann die Treppe hoch. Auch für ihn ist es jetzt Zeit schlafen zu gehen… für Dich auch. Der Hund liegt schon auf seinem Sofa, als Du ins Zimmer kommst und schnarcht zufrieden vor sich hin.
Toller Tag und ein toller Abend.
Autor: Dirk Englisch
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