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Faruk - Traum in weiß
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   Faruk - Traum in weiß

Eine Geschichte von Bettina Lichtner

"Was ist das denn für ein Hund? Etwa ein Kampfhund???" Gütiger Himmel, immer diese Fragen, nur weil ich einen weißen Boxer an der Leine führe. "Nein", lautet meine abgespulte Antwort, "nein, nein, keine Angst. Dieses hier ist ein weißer Boxer." Prompt steht meinem Gegenüber das pure Staunen ins Gesicht geschrieben: "Ein weißer Boxer?? Davon hab ich ja noch nie gehört!"

Und schon wird mein Hund genauer betrachtet und ich begleite die prüfenden Blicke mit aufklärenden Worten wie: "Ja, ja. Die sind ja auch selten. Früher wurden die nämlich gleich eingeschläfert, weil mehr als 1/3 weiße Fellfarbe als grober Zuchtfehler galt." Kopfschütteln des Gegenüber, ehe er bemerkt, dass Ohren und Rute in göttlicher Schönheit belassen wurden. "Oh, wie ich sehe, wurde nix kupiert! Oder kommt das noch?" Kopfschütteln meinerseits. "Dieser Hund bleibt so, wie er ist. So wurde er geboren und so will er leben!" Seit ich diesen Hund habe, führe ich die immer gleichen Dialoge ...

Weisser Boxer
Während des Spaziergangs denke ich über das Gespräch noch einmal nach. Und auf einmal frage ich mich, wieviele schöne weiße Boxer ihr Leben lassen mussten, nur weil sie nicht ins Zuchtschema passten. Wenn ich meinen Faruk sehe, mit welcher Freude er spazieren geht, wieviel Spaß und Lebenswillen in ihm steckt, und wieviel von alledem er mir tagtäglich zurückgibt, dann bin ich so dankbar, dass es endlich verboten ist, Hunde nur aufgrund ihres Äußeren einzuschläfern. Noch während meine Gedanken um die armen weißen Boxerwelpen kreisen, nähert sich mir von weitem ein älterer Herr in Begleitung eines gestromten Boxers. Natürlich wurde Faruk sofort als männlicher Boxer identifiziert. "Oh, ein Rüde. Naja, also WIR haben ja eine Hündin und ich würde mir auch immer wieder nur eine Hündin holen, die sind viel pflegeleichter und umgänglicher. Wenn Sie mal einer läufigen Hündin begegnen, dann sage ich Ihnen gleich, dann halten Sie Ihren Rüden nicht. Der ist weg."

Wieder einer dieser tollen Ratschläge, auf welche ich als Welpenbesitzer ja nur warte. Zweifel packen mich. Was, wenn der Mann Recht behält? Was, wenn Faruk so kräftig wird, dass ich ihn tatsächlich nicht mehr halten kann? In meinem Kopfkino läuft plötzlich ein Film ab, in welchem ich auf dem Waldboden liege, die Leine fest in meiner Hand und von einem sextollen weißen Boxer durch die Gegend gezogen werde. Ich schaue auf meinen viermonatigen Rüden und kann mir das alles kaum vorstellen. "Nun", entgegne ich dem Mann, "zum Glück bin ich seit ein paar Wochen Mitglied im Boxerklub und ..." Noch ehe ich ausreden kann, fällt er mir ins Wort: "Ach, Boxerklub. Da war ich auch mal ganz kurz. Bringt überhaupt nix, könn' se vergessen!" Langsam werde ich wütend. Erst spricht er mich ungefragt an, pflanzt Samen des Zweifelns in meine Gedanken und nimmt mir dann auch noch jeglichen Mut. Fast möchte ich sagen: "Aha, Sie meinen also, ich werde diesen Hund nicht halten können aber eine Erziehung mit Hilfe von erfahrenen Menschen im angesehenen Boxerklub würde mir auch nicht weiterhelfen. Sagen Sie mal, sehe ich etwa so unfähig aus, mit einem Hund umzugehen?" Doch bevor ich dazu komme, meinem Unmut Luft zu machen, springt seine ach so pflegeleichte Hündin wie von der Wespe gestochen wild herum, will unbedingt zu meinem Faruk, um endlich mit ihm zu spielen und der Hundefachmann hat Mühe, sie zu halten. Eigentlich wollte ich ihm gerade raten, doch mal wieder zum Boxerklub ........ aber, er kann mich nicht hören, er ist zu sehr damit beschäftigt, seiner Hündin Manieren beizubringen.

Ich muss schmunzeln über die ganzen Geschichten, die mir die selbsternannten Hundekenner erzählen. "Warte nur mal ab, wenn dein Hund pubertiert. VIEL SPASS, sag ich dann nur. VIEL SPASS. Dann hat er nämlich mit einem Schlag alles vergessen, was du ihm jemals beigebracht hast!" TOLL. Gute Aussichten. Warum habe ich mir eigentlich überhaupt einen Hund geholt, wenn das Zusammenleben offensichtlich alles andere als schön sein wird? Ein pubertierender Hund, der mit einem KLICK in eine totale Demenz verfällt, ist irgendwie keine gute Aussicht. Wieso erziehe ich ihn dann jetzt so mühselig? SITZ, PLATZ, BLEIB SITZ, BLEIB PLATZ, NEIN, PFUI, KOMM, HIER undsoweiter, undsoweiter. Und während ich noch hoffe, dass mittels der positiven Futterbestärkung wenigstens der eine oder andere Befehl hängenbleibt, nutzt Faruk die Gunst der unbeachteten Sekunde und stiehlt das Brillenetui vom Tisch, reißt zusätzlich noch vier Keramikuntersetzer mit herunter, die dann als munteres Puzzle auf den Fliesen liegen bleiben. Hatte die Demenz etwa schon eingesetzt? Er weiß doch genau, dass er das nicht darf?

Erst gestern, als er meinen Autoschlüssel schnappte und in in bester Beutelaune im Garten verschwand, hatte ich ihm doch deutlich zu verstehen gegeben, was erwünscht und was unerwünscht ist und schon heute hatte er all das vergessen?? Und wielange dauert überhaupt die Hundepubertät? Nun gut, viel schlimmer als die Pubertät meiner Kinder konnte es ja auch nicht werden. Nur gut, dass der pubertierende Hund nicht sprechen kann, sonst würde er vielleicht sagen: "Ey, was willste, he? Yo, Frauchen, bleib ma logger, alles easy, oder was!?!" und dann würde er mir seine Krallen in Peace-Absicht entgegenhalten oder - wenn ich ihm zu sehr auf den Geist gehe, wäre es nur die Mittelkralle. Ich würde ihm sagen: "PFUI", wenn er den Teppich mit dem Rasen verwechselt, um mich zu provozieren und er würde antworten: "Hey, was geht? Is doch nix passiert!". Ich würde sagen: "SITZ", wenn er die Bordsteinkante übersieht, und er würde antworten: "Ach Fuck-Bordstein!". Ich würde sagen: "PLATZ", wenn ich mich in Ruhe mit dem Nachbarn unterhalten will und er würde sagen: "Nö, wieso!". Ich würde sagen: "KOMM HIER HER", wenn er versucht, mit der läufigen Hündin durchzubrennen und er würde sagen: "No risk no fun!" und am Ende sitze ich dann erschöpft im Sessel und warte auf das Ende dieser Selbstfindungsphase.

All das klingt wie ein wahrer Albtraum. Hatte ich mir das Ganze auch wirklich gründlich überlegt??? JA, hatte ich. Ich habe mir Faruk ausgesucht, ihn ins Herz geschlossen und werde ihn so lieben, wie er war, wie er ist und wie er sein wird. Ein Albtraum sind lediglich meine Gedanken um das, was vielleicht schiefgehen könnte, aber ich vertraue der Boxerschule und ich vertraue meinen Fähigkeiten. Faruk ist mein Traum in weiß. Komme was wolle. YO!


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