Das kluge Stummelchen
Eine Geschichte von Susanne Sayici
Es war Liebe auf den ersten Blick. Als wir erstmals die junge Hundemama
mit ihren vier Welpen besuchten, rannte Stummelchen, wie er respektlos
genannt wurde, zu meiner Tochter – und die schloss ihn sofort ins Herz.
Diesen Hund mussten wir unbedingt haben. Zwei der Jungen waren bereits
vergeben, nur Stummelchen und seine Schwester, die wir „Raunzn“ tauften,
weil sie ständig winselte, waren noch zu haben. Ein Weibchen wollten wir
nicht, weil wir zu Hause eines hatten und befürchteten, sie könnten
einander vielleicht ablehnen, also blieb nur diese eine Möglichkeit; als
hätte uns das Schicksal diesen Hund bestimmt.
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| „Sir“ Basil |
Seine Mutter stammte aus Griechenland, der Vater war unbekannt. Er sah
aus wie der kleine Kuststoffhund in unserem Auto, der immer mit dem Kopf
nickte. Stummelchen, den man so nannte, weil er mit einem zu kurzen
Schwanz zur Welt gekommen war, bekam von uns einen edlen Namen, der zu
ihm ausgezeichnet passte, wie sich später herausstellte. Wir nannten ihn
„Sir“ Basil und als wolle er seinem neuen Namen gerecht werden,
entwickelte er sich zu einem wunderschönen, von allen Leuten bewunderten
Podenco-Vyzla Rüden, der nun täglich auffällig majestätisch vor dem Haus
thront und stolzen Hauptes die Straße beobachtet. Sein ungestümes
Temperament machte uns anfangs zu schaffen, ebenso wie der extreme
Jagdtrieb, den er bald entwickelte. Aber sein heiteres Wesen, sein
Charme und seine Intelligenz ließen uns das alles in Kauf nehmen.
Schon als er noch ganz klein war zeigte er, dass er denken kann. Als er
an einem metallenen Gegenstand vorbei lief und an ihn streifte, machte
das ein klirrendes Geräusch. Der Hund hielt inne, drehte sich um, sah
sich den Gegenstand an, lief zurück und dann noch einmal dicht daran
vorbei, dass es erneut schepperte – und hatte verstanden. Er war es, der
das Geräusch erzeugt hatte. Beruhigt zog er ab.
Vor einigen Tagen zeigte er, dass er nicht bloß intelligent, sondern
auch schlau ist. Seine Freundin Trixi, ein hübsches Hundemädchen in
seiner Größe und mit demselben Temperament ausgestattet wie er, jagte
ihm mit einem Stück Holz im Maul davon. Was er auch versuchte, er konnte
es ihr nicht wegnehmen. Da fand er ein Papiertaschentuch auf dem Boden.
Normalerweise zerreißt er Papiertaschentücher, oder er frisst sie auf,
wenn er sie findet, doch diesmal nicht. Er nahm es auf, rannte seiner
Freundin nach, schwenkte es vor ihrer Nase – und ließ es fallen. Der
Trick funktionierte. Das Hundemädchen schnappte sich das Taschentuch –
und Basil das Ästchen.
Wer sagt da noch, Hunde seien dumm?
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