Renn Shila, renn ...
Eine Geschichte von Gabriele Heise
Der erste Blick und es ist klar. Es tröpfelt. Im Moment beginnen die tiefliegenden Wolken mit ihrer Arbeit . Alles ist heute anders. Das Wetter, mein Hund und ich. Woran liegt das bloss? Während der Wecker morgens schon das dritte Mal aufheult, liegt mein Hund seelenruhig vor meinem Bett auf dem Teppich. Oh, nein, ich habe die Tür vergessen am Abend zu schließen. Nun ist Shila, so heißt die nette Dame, in der Nacht ins Schlafzimmer gekommen an Frauchens Bett. Es ist wohl die weiche und sanfte Unterlage, die es der Mischlingsdame angetan hat.
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| Hund und Frauchen |
Wieso ist das Wetter gegen mich? Mein Mann drängelt sich ins Bad. Er tut so als wäre heute ein Arbeitstag aber heut ist Sonntag. Dabei zählt die Uhr die Minuten. Noch eine dreiviertelstunde, dann geht es los. Innerlich präpariere ich meine Haltung. Wie war das nochmal? Ah, ja. Zuerst gerade nach oben laufen und nicht vergessen, Blickkontakt mit dem Richter. Die Momente schwirren mir im Kopf. Es fällt mir schwer mich zu konzentrieren. Nur ruhig bleiben, keine Hektik. Endlich ist das Bad frei. Das zurechtlegen meiner Sachen, bringt mich in einen inneren Zweifel. Was ziehe ich an? Es regnet, das Thermometer zeigt 0,1 Grad Celsius an. Oje, die Wintersachen liegen noch einsam und gut verpackt auch dem Kleiderschrank. Jetzt hilft kein Jammern. Um 8 Uhr geht es los.
Ein Familienmitglied fehlt noch. Xenia, meine Tochter liegt eng umschlungen mit ihrer Puppe im Hochbett. Sie ist noch klein. Auf mein Rufen –Komm- kommt Shila freudig ins Kinderzimmer und übt schon mal das Hochspringen auf das Bett. Wenn Shila das schafft, bekommt sie eine Scheibe Käse. Außerdem ist diese Art des Weckens eindeutig stressfreier für meine Tochter als das morgendliche Tauziehen der Decke zwischen Mutter und Kind. Shila wiegt 25 Kilo und ist mit Blick auf die Leckerli freudig beschäftigt auf das Bett zu kommen. Endlich hat sie es geschafft. Das Gesicht ist gleichsam einer Maske. Die schwarzen Ohren und der weiße Körper vor allem die Tupfen zeigen eine Mischung von höchst erfreulichem Renngut an.
Heute soll es Shila sehr gut gehen. Denn sie ist angemeldet zur BH-Prüfung. Eigentlich habe ich dafür keinen Kopf. Im Geiste gehe ich die Schritte noch mal durch. Nach oben, wenden, Laufschritt, links und ja, Halten. Hoffentlich läuft Shila mit. Wir haben es so häufig geübt. Sie kennt die Stelle mit Sitz und bleibt genau an dieser Stelle liegen. Es hilft nichts. Xenia muss aus dem Bett und ich sollte nun endlich in die Plün kommen. Meine Kleiderwahl ist einfach. Kurzes Sweeti, langes T-Shirt und dicker Pullover. Hose an... In Gedanken bin ich schon angezogen. Jetzt erst mal den Hund belohnen. Mein Kind freut sich. Ist doch die beste Freundin mit im Bett und sucht den Käse, den ich Xenia in den Schlafanzugärmel hineinschiebe.
Die Zeit rennt. Innerlich überprüfe ich meine Wertehaltung. Was ist, wenn Shila einfach über den Platz rennt, wie das schon häufig der Fall war? Nur Vertrauen. Dabei sehe ich noch mit Schrecken die Ereignisse an mir vorbeiziehen. Shila im rasanten Tempo ca. 500 m entfernt, während ich mit einem Hundebesitzer in aller Ruhe über das Verhalten meines Hundes diskutiere. Der Einwand, ihrem Hund fehlt Bindung, brachte mich in jenem Moment fasst aus der Fassung. Meinem Hund fehlt etwas. Nur was genau geht da schief - die Bindung?
Ein Ski hat eine Bindung, damit der Ski sich nicht vom Stiefel löst. Das fällt mir spontan die Bindung zu meinem Kind ein. Wie erkläre ich meinem Mann, dass unser Hund “bindungslos” ist. Meiner Ansicht nach hat er einen ausgeprägten Jagdtrieb. Sonntagmorgens nach diesem Ereignis kommt Shila ins Schlafzimmer. Jörn, mein Mann, holt sich ein Hemd aus dem Schrank und vergisst den Hund wieder mit hinauszunehmen. Vielleicht hat er es auch nicht bemerkt. Ohne Brille ist er blind. Shila hopft zu mir ins Bett und geistesgegenwärtig denke ich mir: Mensch, das ist Bindung. Ich habe mir sagen lassen, das hat nichts mit Bindung von Mensch und Hund zu tun. Tja, der Hundeplatz soll es nun richten. Immer näher kommt die Prüfung. Ich stehe nach wie vor im Schlafanzug da und überlege, was ich zuerst erledigen soll. Noch ein Ablenkungsmanöver zum Anziehen. Ein Spieli und eine freudige Übungsrunde im Wohnzimmer mit Shila, gut zureden und die Hoffnung auf einen milden Richter, beschäftigen mich weit aus mehr als Frühstücken. Jörn hat mittlerweile den Frühstückstisch gedeckt.
Mit ein wenig Überwindung schwinge ich mich auf mein Fahrrad und radle Richtung Hundeverein. Es ist mal wieder auf die letzte Minute. Der Richter und die anderen Prüflinge sind schon da. Einige stehen auf dem Parkplatz und necken sich freundlich.
Das Herz rutscht mir in die Tasche. Jetzt wird es ernst. Zuerst der schriftliche Teil. Der sogenannte Sachkundenachweis. 20 Multiplechoisefragen sind anzukreuzen. Die Zeit ist ausreichend. Während alle auf ihr Bestehen warten, wird erst mal ein Wachmacher konsumiert. Ein heißer Kaffee. Jetzt kommt der schwierigste Teil. Mein Hund soll Bindung zeigen. Ganz ehrlich, die vielen Empfehlungen von der Trainerin sowie das intensive Üben auf dem Hundplatz geben mir Hoffnung. Wird es reichen?
Zwei Hunde sind vor uns dran. Maxi und Blacky verstehen sich prima. Aus diesem Grund gehen die Herrchen der Hunde kurz vor der Prüfung auf die Wiese und lassen beide Hunde miteinander spielen. Wie sozial. Leider hat Blacky diese Unterscheidung zwischen Hundeplatz und Wiese nicht nachvollziehen können. Für mich beginnt die Zitterpartie. Was macht Shila in einer Prüfungssituation auf dem Platz. Jetzt bin ich richtig neugierig. Die Aufregung ist mit einem mal verflogen. Sicher gehe ich auf den Platz. Der Hund, der zuerst seine Einheit läuft, ist ein Rüde von ungeheurer Kraft mit einem schönen Fell. Nun ja, es gibt da sicher einen Fachbegriff.
Mir gefällt der Hund, würde er nur ein soziales Wesen zeigen. Er keifft meine Shila sofort an. Ich lege meinen Hund, ohne Leine, ab. Inderzwischenzeit kehre ich dem Hund in einiger Entfernung den Rücken zu. Der Richter macht schon Anstalten. Der Rüde, der mit mir auf den Platz gekommen ist, um die Begleithunde Prüfung zu absolvieren, ist nach kurzer Zeit durchgefallen. Ich bin entsetzt. Jetzt kommt Shila dran. Und was passiert? Mein Hund bleibt auf der Strecke einfach stehen. Shila tut alles, nur das was ich ihr sage nicht. Sie spielt an der Leine. Wieso tut sie das heute, das war doch schon völlig weg. Und nun dieser Rückschritt! Zu guter letzt rennt Shila über den Platz und kommt nach dreimaligem Rufen nicht. Der Richter hält beide Hände nach oben und zeigt das Ende an. Shila ist durchgefallen. Prüfung nicht bestanden. Mein persönliches Fazit. Meinem Hund fehlt offensichtlich – Bindung. Oder war es Prüfungsangst?
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