Depressive Tage in einer Tierpension… oder… BILLY
Eine Geschichte von Elke Parker
Ich muss dieser Geschichte gleich vorausschicken, dass ich heute scheinbar einen depressiven Tag habe. Unten im Büro an der Heizung stehen nebeneinander zwei Transportkörbe, überdeckt mit einer Decke. Zwei junge Kater, noch reichlich benebelt von der Vollnarkose, sind von der Kastration zurückgekommen. Ein ganz normaler Vorgang, ein Routineeingriff. Und doch… wie ich die Tierchen so wehrlos in ihren Käfigen liegen sehe, rührt mich das sehr an. Ich kenne die beiden nun schon seit einigen Monaten. Quirlig, voller Elan und immer zu Dummheiten aufgelegt sind sie. Voller Vertrauen und Neugierde sind sie gestern Abend freiwillig in die Boxen gegangen, nicht ahnend, was ihnen am nächsten Morgen „blüht“.
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| Knutschnase |
Nun sind sie wieder da und liegen so reglos, wie ich sie noch nie gesehen habe. Die Zwei waren hier auf Pflegestelle. Endlich sollen sie Ende der Woche in ihr endgültiges Zuhause einziehen. Die Vermittlung von Mirko und Mischo gestaltete sich schwierig, da es ein großer Wunsch der zuständigen Tierschutzorganisation war, beide zusammen zu vermitteln. Die Katerchen sind ein Herz und eine Seele, und trennen wollte man sie verständlicherweise nur höchst ungern. Es gab dann tatsächlich, als schon niemand mehr dran glaubte, diesen „6er im Lotto“ in Form eines Menschen, der wirklich zwei Katzen
suchte und in den beiden dann auch fand.
Ich freue mich sehr für die Zwei, weiß aber schon jetzt, dass ich Ende der Woche, wenn sie unsere kleine Tierpension für immer verlassen, mal wieder sehr traurig sein werde. Wieder mal ein Abschied. Das letzte „Goodbye“ ist noch nicht allzu lange her und hat auch weh getan, obwohl sehr erfreulich. Deutsch-Kurzhaar „Chacho“, ein spanischer Jagdhund, hat vor Kurzem auch seine „ganz eigene Familie“ gefunden. Wenn ich morgens zu den Hunden gegangen bin, freute er sich schon, mich zu sehen, trippelte ungeduldig auf seinen Vorderpfoten auf und ab, und öffnete ich ihm dann „den Weg in die Freiheit“ gab’s kein Halten mehr.
Ab auf die große Auslaufwiese und hinein ins Mäuseloch-Buddel-Vergnügen! Chacho war ein sehr lieber, angenehmer, stets ins sich ruhender Hund. Er hatte einen ganz besonderen Charme und einen unerschütterlichen Stolz. Tja, und dann ist da noch Billy. Ein Deutsch-Drahthaar aus Spanien, bester Kumpel von Chacho, und auch hier auf Pflegestelle gewesen für mehrere Wochen. Dieser Hund hat mir einfach mein Herz geklaut und wird es jetzt wohl unverschämterweise mit in sein neues Heim nehmen, dass er höchstwahrscheinlich bald beziehen wird. Einer im Rudel von Vielen wird er dort sein. Gut oder schlecht
für ihn? Ich weiß es nicht so recht. Sicher aber besser als alles, was er
bisher in seinem Leben erlebt hat.
Unzählige Narben und Blessuren zeugen von roher Behandlung und Quälereien, die dieser Hund sicher durchgemacht hat. Nicht direkt offensichtlich, aber doch mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit hat auch seine Seele vieles Schlimme erlitten. Über den Sommer hatte ich einige Deutsch-Drahthaar hier in der Tierpension, alles Urlaubsgäste, mit der gesicherten Perspektive, nach Frauchens und Herrchens Rückkehr wieder in ein eigenes Zuhause zurückkehren zu können. Nie hatten sie Schlechtes durchgemacht, immer, seit Welpenalter an, ein behütetes Zuhause bewohnt. Diese Hunde hatten allesamt den sehr liebenswerten, rassetypischen, selbstbewussten, teils auch den etwas sturen, dickschädligen bis störrischen Charakter eines Deutsch-Drahthaars.
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| Billy |
Fast alle waren jagdlich ambitioniert, einige auch noch aktiv „Jagdhund von Beruf“, und genossen, sichtlich unbeeindruckt von der Trennung von ihrem Besitzer, den Freilauf auf unserer großen Wiese. Fröhliche Hunde waren sie allesamt. Ein raues aber herzliches Temperament ist dieser Rasse zueigen. Die Fellfärbung ging von braun, über schwarz oder braunschimmel bis braun/grau. Das Haarkleid reichte von ziemlich kurz bis reichlich lang. Letztere erinnerten an Griffons. Ja, und dann eben dieser Billy aus Spanien. Eigentlich heißt er „Bill“, doch für mich war er vom ersten Moment an „Billy“ und wird es wohl auch immer bleiben. Ihn hatte man auf einer Perrera abgegeben. Billy kam in ziemlich
schlechter Verfassung an, wirkte um Jahre älter als er in Wirklichkeit ist, hatte
kaum bis gar keine Muskulatur und einen traurigen Gesichtsausdruck mit tief
herunterfallenden Augen.
Seine Wiederherstellung schritt allerdings recht schnell voran. Rasch gewann er an Ausdauer und baute, auch dank spezieller Fütterung, erste Muskulatur auf und legte an Gewicht zu. Während er zuerst nach einer Kurzrunde über unsere Wiese bereits total ausgepowert war, reichte seine Kondition bald schon aus für einige Runden mehr, die er, zusammen mit seinem Freund Chacho, sichtlich genoss. Billy entspricht rein äußerlich einigermaßen den Deutsch-Drahthaar-Standards, wobei man ehrlicherweise sagen muss, dass er alles andere als „schön“ im herkömmlichen Sinn ist. Das wird der erste Eindruck fast eines jeden Menschen sein, der Billy zum ersten Mal sieht. Seine Augen haben diesen trüben Blick, aus denen nur in Bruchteilen von Sekunden einmal echte Freude funkelt.
Erwischt man nicht gerade so einen klitzekleinen Moment, wird einem dieser Hund ewig traurig, depressiv, melancholisch oder teilnahmslos in Erinnerung bleiben. Ich hatte, da ich mehr als eine Momentaufnahme mit Billy verbringen durfte, das Riesenglück ihn „lachen“ sehen zu dürfen. In vielen winzig, kleinen Momenten. Entweder, wenn ich mich auf die Treppe setzte, er sich eine Stufe über mich stellte und mir mit seiner dicken, kalten
Nase einen feuchten Hundeknutsch auf die Wange drückte, oder wenn er sich
neben mir niederließ, ich seinen Kopf auf meine Oberschenkel nahm, und ihn
ausgiebig kraulte. Auch dann, wenn er so eine simple Apportieraufgabe, wie die,
einen Tennisball zurückzubringen erfolgreich gelöst hatte, und ich ihn dafür
schrecklich lobte, konnte ich einen Glücksfunken in seinen Augen erkennen.
Für die Jagd ist Billy wohl nicht geeignet. Entfernungen von „seinem“ Menschen, die eine Distanz von 30 Metern überschreiten, verunsichern ihn. Eher Jagdhund-untypisch schaut er sich ständig um, ob man denn auch noch „bei ihm ist“. Wer bei Billy die weithin bekannte Härte eines Deutsch-Drahthaar sucht, wird sie wohl niemals finden. Kurz, ein Hund der fast alle, zumindest charakterlichen, Standards seiner Rasse lahm legt, und doch, und vielleicht gerade deshalb, und zum Teufel nochmal mit allen Standards und der damit verbundenen „Untauglichkeit“ bei Nichterfüllung, dieser Hund hat etwas, das längst nicht jeder Rassehund edler Abstammung für sich verbuchen kann: Er hat nämlich SEINEN ganz EIGENEN „Charakter“, fern jeder durch den Menschen bestimmten Vorstellung, und er hat ein riesiges Herz, eine absolute Vertrauensbereitschaft, und eine innerliche Wärme zu Menschen und Artgenossen, wie ich sie selten zuvor gesehen habe.
Er ist ER, und er ist BILLY. Einer der Hunde, die ich nie vergessen werde. Ich weiß, dass ich bestimmt nicht der einzige Mensch bin, der, wenn er IN diesen Hund hineinsieht, etwas bemerkt, das so überhaupt nicht zu seinem äußeren Erscheinungsbild passt. Nämlich einen wunderschönen, treuen und überaus liebenswerten Hund, bei dem es einfach nur ein Zufall ist, das er ein Deutsch-Drahthaar ist. Genauso gut könnte er ein Schäferhund, ein Pudel ein Dackel oder ein Mischling sein. Wenn man es schafft, in ihn zu schauen, wird man
immer und immer wieder dasselbe sehen – nämlich BILLY, eine einfach einzigartige Feuchtnase, eine Seele von Hund und einen der untypischsten Deutsch-Drahthaar die ich jemals erleben durfte.
So, und da Billy nun auch geht, ist einfach heute für mich dieser depressive Tag in unserer kleinen Tierpension. Viel Glück Billy, und auch viel Glück und alles Gute für Mischo, Mirko und Chacho! Nun bleibt noch der kleine weiße Mischling „Felix“, und irgendwann wird auch er sein eigenes Zuhause gefunden haben, und ich werde mich höllisch freuen für ihn – und es wird wieder ein depressiver Tag…
Elke Parker
Pensionsleitung der Tierpensions Weiss
www.tierhotel-weiss.de
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