Zur Linde
Eine Geschichte von Winfried Schwarzer
„Hallo Oma und Opa, ich habe ein Problem,“
„Guten Tag Michael, du kommst angestürmt, was ist denn los? Hallo Tobi, du freust dich wie immer.“
Opa Manfred begrüßte seinen Enkel und streichelt den freudig mit dem Schwanz wedelnden Terrier.
„Wo liegt denn das Problem? Die Sommerferien haben begonnen.“
Michael, der im Frühjahr seinen 14. Geburtstag gefeiert hatte, druckste herum.
Oma Frieda gab Tobi frisches Wasser in die Schale und für ein Leckerli wedelte sein Schwanz umso heftiger. Michael bekam ein Glas Apfelsaft.
„So, mein Freund, nun seid ihr beide versorgt, jetzt heraus mit der Sprache, ich bin ganz Ohr.“
Über seine Lesebrille, im bequemen Sessel sitzend, schaute Opa seinen Enkel freundlich an.
„Hat Papa schon angerufen?“
„Nein.“
„Dann wisst ihr noch nichts davon. Papa soll ein Jahr in unserer Botschaft in Vietnam arbeiten.“
„Und warum bist du so traurig?“
„Papa kann in dem Jahr nicht nach Hause kommen und deshalb sollen Mama und ich mit.“
„Das ist doch schön für dich, du lernst ein anderes Land kennen, siehst etwas von der weiten Welt.“
„Ja, das schon. Nur, nur, wir können Tobi nicht mitnehmen.“
„An Tobi habe ich im ersten Moment nicht gedacht. Hast du bei deinen Freunden schon gefragt.“
„Ja, aber ohne Erfolg. Deshalb wollte ich fragen, Opa, ob du vielleicht, eventuell. Ein Jahr ist nicht lang.“
Einen Moment war Ruhe. Oma grinste hinter vorgehaltener Hand.
Opa, recht nachdenklich, sagte langsam: „Michael, du weißt doch, wie weit ich gehe.“
„Ja, ich weiß, nur so weit, wie dein Auto lang ist. Deshalb habe ich mich nicht getraut zu fragen.“
Opa rückte sich im Sessel zurecht. „Michael, ich freue mich für deinen Papa und das ihr drei für ein Jahr nach Vietnam reisen könnt. Nur mit dem Tobi, da muss ich erst eine Nacht drüber schlafen.“
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| Opa im Garten mit Hund und Katze |
„Gut, Opa, in einer Woche soll die Reise schon losgehen und ich möchte ihn nicht ins Tierheim geben.“
Michael blieb noch zum Mittagessen.
Fortan kämpften in Opa zwei Seelen, das Helfen wollen und seine Bequemlichkeit.
„Frieda, ich habe genau gesehen, wie du gegrinst hast. Dir wäre es wohl sehr recht.“
„Natürlich bin ich dafür und Frau Doktor würde es auch begrüßen. Es wäre gut für deinen Kreislauf, dein Zuckerpegel würde sich verbessern, soll ich noch mehr aufzählen?“
„Schon gut, schon gut. Ich denke nach.“
Opa kam beim Mittagsschlaf nicht zur Ruhe, kleckerte nachmittags mit der Kaffeetasse, rutschte unruhig im Fernsehsessel hin und her und hatte die ganze Nacht Alpträume.
Beim Frühstück fragte Oma ganz scheinheilig. „Gehst du dann immer vor dem Frühstück mit Tobi oder hinterher.“
„Lass mich in Ruhe“, antwortete er unwirsch.
Am Vormittag kam Michael ganz fröhlich zur Tür herein.
„Nanu“, staunte Oma, „du freust dich so?“
„Ja, wir haben heute überlegt, wie Opa sich entscheiden wird. Mama und Papa haben übereinstimmend gesagt: Michael, du hast einen klugen Opa, der weiß, dass die täglichen Spaziergänge auch für ihn gut sind, und deshalb wird er zusagen.“
Opa saß in seinem Sessel und sagte kein Wort. Dann kam die zaghafte Frage:
„Wann würdest du Tobi bringen?“
Michael wand sich ein wenig.
„Opa, ich überfalle dich gewissermaßen. Wenn du einverstanden bist, würde ich Tobi schon am Sonntagnachmittag zu euch bringen. Wir haben noch viel zu erledigen.“ Ein Aufatmen ging durch den Jungen. Er schaute gespannt auf seinen Opa.
„Schon am Sonntag? Das ist in zwei Tagen. Warum so schnell?“
Nun meldete sich Oma: „Weißt du, ob den nächsten Sonntag oder in einer Woche, das ist doch egal. Du hockst jetzt zu Hause rum und in einer Woche auch. Sag endlich Ja und Michael freut sich.“
Nachdenklich schaute Opa zu seiner Frau: „Und wo soll Tobi schlafen?“
„Neben meinem Nähtisch habe ich schon Platz gemacht für sein Körbchen. Sag bloß du hast das noch nicht bemerkt?“
Opa richtete sich in seinem Sessel auf. „Ich sehe, ihr beide habt euch gegen mich und andererseits auch für mich entschieden. Mein Geist sagt mir auch, dass mehr Bewegung für mich gut ist. Also abgemacht, Michael, Sonntagabend, 18.00 Uhr, ist mein erster Gassigang mit Tobi.“
Michael atmete erleichtert auf und fiel seinem Opa freudestrahlend um den Hals.
„Opa, du brauchst auch nicht so schnell gehen, am besten wäre der Feldweg bis zur Linde, Tobi kennt die anderen Hunde, die dort ausgeführt werden.“ Die Worte sprudelten aus Michael heraus.
„Eigentlich gefällt mir der neue Tagesablauf ganz gut“, fing Frieda eines Morgens nach einem kräftigen Schluck aus der Kaffeetasse an. „Ich kann mich in Ruhe waschen und fertig machen, das Frühstück zubereiten, keiner drängelt, mir gefällt das.“
Manfred biss in sein geliebtes Butterbrot mit Rübensirup und murmelte nur ein paar unverständliche Worte.
„Was hast du gesagt?“
„Was ich gesagt habe? Ich habe immer noch Muskelkater vom vielen Laufen. Aber nun habe ich zugesagt, nun muss ich auch die restlichen dreihundert und wer weiß wie viel Tage durchhalten.“
„Das wirst du, davon bin ich überzeugt. Und wer weiß, was danach kommt?“
„Habe ich dir schon erzählt? Gestern habe ich den Eberhard kennen gelernt. Er geht mit seinem Schäferhund auch den Weg bis zur Linde. Die beiden Hunde verstehen sich gut, sie toben um uns herum, das ist eine Pracht.“
„Und was ist mit dem Eberhard?“
„Er hat auch auf der Warnowwerft gearbeitet, als Schweißer, auch von 1950 bis 1985. Wir haben viele gemeinsame Bekannte.“
„Na, dann habt ihr gewiss eine Menge Gesprächsstoff?“
„Heute habe ich ganz nasse Füße. Das Gras ist vom Morgentau pitschenass.“ Stöhnend und schimpfend zog Manfred die nassen Socken aus. „Der Paul hat so bequeme kurze Gummistiefel, solche könnte ich auch gebrauchen.“
„Wer ist denn Paul? Und hat er gesagt wo er die gekauft hat?“
„Habe ich dir von Paul noch nicht erzählt? Er hat einen Dackel namens Waldemar. Der ist bald mehr breit als lang. Er muss ihn unbedingt auf halbe Kost setzen. Mein Glück, dadurch gehen wir nicht so schnell. Paul stammt auch von der Warnowwerft, hat aber nur 10 Jahre dort gearbeitet, dann wurde er invalide geschrieben, wegen seinem Herz.“
„Wo hat er die Gummistiefel bekommen?“
„Ach ja, die Gummistiefel, in dem kleinen HO-Schuhladen in der Reuterstraße. Wir sollten Tobi zum Schuhladen mitnehmen. Die Verkäuferin ist Hundeliebhaberin und da haben wir mehr Chancen solche Stiefel zu bekommen?“
„Guten Tag.“
„Guten Tag. Sie wünschen? Ach ist der Kleine süß. Wie heißt er denn?“
„Tobi.“
„Tobi, dass passt zu dir. Du bist bestimmt so ein kleiner Racker, machst deinem Herrchen viel Freude.“
„Ja eigentlich sind wir wegen dem Hund bei ihnen“, fing Frieda an. „Wissen sie, mein Mann geht mit ihm immer Gassi und jetzt ist morgens das Gras so feucht und da bekommt er immer nasse Füße.“
„Ich weiß Bescheid, sie suchen ein Paar nicht so hohe Gummistiefel. Wenn sie mit so einem lieben Hund Gassi gehen, - wie artig er sitzt -, finde ich bestimmt was Passendes. Welche Schuhgröße hat denn das Herrchen?“
„Vierundvierzig.“
„Vierundvierzig, das ist gut, zweiundvierzig wäre schlecht gewesen. Ich schaue nach.“
Kurz darauf lagen die passenden Gummistiefel auf dem Ladentisch.
„Es wird bald Winter. Ich hätte noch ein Paar gut gefütterte kurze Stiefel. Bei Schnee und Frost sind die zum Gassigehen sehr zweckmäßig.“
Oma und Opa schauten sich an und nickten sich zu.
„Das ist nett von ihnen, sie haben ein Herz für Hunde.“
„Heute ist ein Wetter, bei dem man keinen Hund vor die Tür jagt. Minus zehn Grad und Windstärke sechs. Bloß gut, dass wir damals die gefütterten Stiefel gekauft haben.“
„Setz dich und trink eine Tasse Kaffee. Ich habe auch extra Brötchen aufgebacken. Dem Tobi war es wohl auch zu kalt, der rollt sich gleich in seinem Körbchen zusammen.“
„Bei Sturm Gassigehen ist irgendwie einsamer. Ich treffe zwar Eberhard und Paul und die anderen. Nur wir können kaum miteinander sprechen. Man müsste laut brüllen um sich zu verständigen. So stapft man schweigsam nebeneinander her.“
„Früher hast du bei solchem Wetter nur im Sessel gesessen und auch nicht geredet. Und jetzt auf einmal fehlt dir das Gespräch.“
„Frieda, ich habe etwas Birkengrün mitgebracht.“
„Das ist schön, du holst uns den Frühling ins Haus. Ich mache die Vase gleich fertig.“
Das frische Grün auf dem Tisch belebte das Wohnzimmer. Die Sonne schien. Der Frühling kehrte ein.
„Na Manfred, ich habe den Eindruck, du hast dich an das Gassigehen gewöhnt. Triffst nette Gesprächspartner. Mit Eberhard hast du dich näher befreundet. Tobi ist ein Gewinn für dich.“
„Na ja, was heißt gewöhnt, oft möchte ich schon lieber auf der faulen Haut liegen. Gewiss, die Bekanntschaften hätte ich nicht gemacht und Frau Doktor ist auch zufrieden mit mir. Aber ich werde froh sein, wenn Michael seinen Tobi zurückholt.“
„Bis zum Sommer ist es nicht mehr weit. Das schaffst du schon noch.“
„Michael hat angerufen. Er kommt schon morgen.“
„Morgen?“
„Ja, morgen Nachmittag.“
„Hallo Oma, hallo Opa, wir sind wieder da.“
„Junge, lass dich erst mal anschauen, bist gewachsen, kräftiger geworden. Danke für die vielen Briefe. Sie waren so interessant geschrieben, dass wir sie immer wieder gelesen haben.“
Frieda tischte eine selbstgebackene Erdbeertorte auf, bei deren Anblick Michael strahlte.
„Oma, die sieht gut aus. Erdbeertorte habe ich schon lange nicht mehr gegessen.“
„Setz dich hin und hau rein.“
Nachdem auch Opa saß kam die Frage: „Bleibt dein Papa jetzt hier“
Langsam antwortete Michael: „Ja. Einerseits ist es schade, mir hat es in Vietnam gefallen, aber andererseits freue ich mich auch auf meine alte Klasse.“
Tobi pendelte zwischen Opa und Michael hin und her, als ob er keinem wehtun wollte.
„Willst du Tobi gleich mitnehmen?“, fragte Opa ganz vorsichtig.
„Ja natürlich.“
Von der Torte blieb kein Krümelchen übrig und eine Stunde später saßen Oma und Opa allein.
Am nächsten Morgen fragte Oma erstaunt: „Wo willst du denn hin? Michael hat doch Tobi gestern geholt.“
“Zur Linde.“
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