Dinner for Dogs und
andere konträre Ansichten
Eine Geschichte von Elke Parker
Homepage der Autorin
WIR, das sind meine beste Freundin „Josefa“, vierbeinig, leicht hinkend, da ihr Vorderlauf etwas lädiert ist, von ruhigerem Temperament als dem meinen und …verfressen, und ICH, „Vincent“, dreibeinig, hochbegabt, quirlig, temperamentvoll, gutaussehend und … ebenfalls verfressen. Durch unser früheres Leben als Straßenhunde eng miteinander verbunden, hatten wir das große Glück einer gemeinsamen Vermittlung. Einem alten Ehepaar gleich, das sich nach kurzem Streit schnell wieder versöhnt, wares für uns natürlich mehr als erfreulich, zusammen bleiben zu dürfen. Doch Leute, ich sage Euch, dort wo die Sonne scheint findet man sehr schnell auch eine Schattenseite.
Anstatt bei unwissenden Ersthundebesitzern ein gemütliches Plätzchen auf der Couch zu ergattern, angesichts unseres einst so schlechten Lebens die Mitleidsleckerchen reihenweise ins Schnäuzchen gestopft zu bekommen und einfach nur wir selbst sein zu dürfen, ohne den Anspruch auf jegliche Erziehung, hat uns das Schicksal besonders hart getroffen! Unser Frauchen ist Tierpsychologin und Hundetrainerin! Ihr könnt Euch nicht vorstellen was DAS bedeutet! Der schönste Augenaufschlag, das netteste Bettelgesicht, die größte Schwerhörigkeit, ja, selbst Sturheit und Mitleidsmasche, all das bleibt hier erfolglos. Ich, ein bedauernswürdiger Dreibeiner, und meine Kameradin, schlecht zu Pfote weil doch so hinkend, WIR wären überall anders das perfekte „arme-aber-gerettete-Hundeduo“ geworden, verwöhnt mit Leckereien bis an unser Lebensende.
Jeden Wunsch hätte man uns von den Augen abgelesen, nie wieder hätte nwir auch nur eine halbe Stunde alleine bleiben müssen, und wenn, dann nur beruhigt und getröstet durch eine Riesenportion Rinderfilet. Sicher wäre der soziale Aufstieg zweier ehemaliger Straßenhunde unaufhaltsam gewesen, klar ersichtlich an Besitztümern wie einem eigenen Fernseher, einem weichen Polsterbett und einem spezial angefertigten Kühlschrank, der sich über Sensor, nur durch leises Anbellen, öffnet. Stets gefüllt mit feinstem Roastbeef, edelstem Tartar und Bourbon-Vanillepudding mit Schlagsahne wäre dieses liebste aller Möbelstücke im allerliebsten all der vielen Zimmer. Menschen nennen diese Schatzkammer K Ü C H E!
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| Vincent das Schlitzohr |
Doch was geschah mit uns? WIR wurden erzogen! Wir mussten neue Dinge lernen. Sicher konnten wir auch vorher bereits „Sitz“ und „Platz“, doch wurden wir nie dazu aufgefordert, diese selbstverständlichen physischen Abläufe jetzt und hier und gleich auf Kommando durchzuführen. Leinenführigkeit und einige Stündchen OHNE Rinderfilet alleine zu bleiben, gehörte auch gleich mit zum Lernprogramm. Was tut man nicht alles als Hund um dem Menschen zu gefallen? Nun muss ich zugeben, dass unser Frauchen eigentlich eine wirklich nette Person ist. Da gibt es keinen Drill, sondern eher diese kameradschaftliche Mensch-Hund-Beziehung, allerdings – wie war das mit Sonne und Schatten? – hat der Mensch bei der Anwendung einer solch hundepsychologisch durchdachten Methode die Führungsrolle, auch wenn es „Hund“ nicht immer merkt (denken die Menschen!)
Da wir nun aber als einstige Straßenhunde über ein sehr flexibles, anpassungsfähiges und auf die jeweilige Lebenssituation abgestelltes Lernvermögen verfügen, sind wir natürlich auch recht schnell hinter die positive Veränderung unserer Lage gekommen und zeigten unseren guten Willen. Grundsätzlich vergibt man sich als Hund dabei ja nichts. Im Gegenteil – man heimst für eine gelungene Übung sogar das eine oder andere Leckerchen ein. Doch da wären wir wieder bei Sonne und Schatten, und wo ich gerade hier so auf der Couch liegend nach draußen schaue in graues, regnerisches Schmuddelwetter, werde ich beim Gedanken an die absolut konträren Ansichten von Hund und Mensch bezüglich einer Menuzusammenstellung fast depressiv.
Falls es Euch übrigens wundert, dass ich bei einer Tierpsychologin und Hundetrainerin auf der Couch liege – ja, Glück gehabt, das war dann eines dieser kameradschaftlichen Zugeständnisse (Sonne). Wenn Frauchen allerdings möchte, dass ich das Sofa räume, muss ich gehorchen (Schatten). Jemanden, der sich neben mich auf die Couch setzt, Menschen inbegriffen, darf ich nicht anknurren (Hundepsychologie). Ich teile mir also mit der alten Collie-Dame „Meta“ dieses gemütliche Mega-Sofa und blicke hinaus. Josefa fand Sofas nie interessant, sie hat wohl Schwierigkeiten hochzuspringen. Arme Josefa, mit ihrem Hinkebeinchen. Was soll’s, Mitleid zählt hier nicht, das sagte ich ja schon.
Trübsinn steigt beim Anblick des Regens und der Aussicht auf das nächste Menu in mir auf. Es wird Trockenfutter geben, ein hochwertiges, wirklich teures natürlich, mit Reis, Möhrchen und Hähnchen. Riecht auch wirklich gut. Schmeckt sogar. Aber muss das denn der Hauptgang sein, und das gleich JEDEN Tag? Könnte man das Hundefutter uns Hunden nicht so als Beigabe in kleinen Portionen einfach nur für den Zwischendurch-Hunger anbieten? Warum gibt es eigentlich Hundefutter? Warum müssen dieses Hundefutter denn unbedingt wir Hunde essen? Es wurde doch von Menschen entwickelt. Warum essen DIE das dann nicht selbst? DIE müssen es doch mögen, wenn sie es schon herstellen. Sicher würden die menschlichen Zähne um einiges besser werden. Es gäbe garantiert weniger Cholesterin-Probleme und bestimmt auch weniger Diabetiker. MEIN Menuplan besteht auf jeden Fall nicht aus trockenen Körnern.
ICH bin schließlichein Hund und kein Flattermann. Würde unserem Herrchen nicht ab und an ein Stück Fleischwurst oder ein geliebtes Stück Ziegenkäse herunterfallen und zielsicher vor unseren Schnäuzchen landen, wären unsere Geschmacksnerven wohl schon längst gänzlich abgestorben. Unser Herrchen ist ein großer, starker Mann mit weichem Herzen. Wir sind uns sicher, dass keinem Menschen auf der Welt so oft ganz aus Versehen etwas aus der Hand fallen kann…
Nichtsdestotrotz habe ich mit meiner armen, hinkenden und, genau wie ich, ewig hungrigen Freundin Josefa einen gemeinschaftlichen Menuplan aufgestellt. Wir sind davon überzeugt, dass, wenn die Menschen zu lesen bekommen WAS wir Hunde wirklich mögen, sich schlagartig alles zum Positiven wenden wird. Wir glauben grundsätzlichan das Gute im Homo Sapiens, und führen diese Hundefuttergabe lediglich auf absolute Unkenntnis der gesamten Menschheit über unsere wahren Bedürfnisse zurück. Das „Dinner for Dogs“ besteht selbstverständlich aus drei vollen Mahlzeiten plus einiger Hundefutter-Zwischenhäppchen, sozusagen als Nahrungsergänzung und Arbeitsplatzerhaltung. Schließlich sind viele Menschen in der Hundefutterbranche beschäftigt. Ich schaue immer noch, mittlerweile halbschlafend, aus dem Fenster in das trübe Wetter. Plötzlich erhellt diese graue Stimmung ein Blatt aus edlem Pergament, stil voll beschriftet mit goldenen Lettern. Immer deutlicher reihen sich die einzelnen Buchstaben aneinander. Wievon Engelshand geleitet bilden sie bald ein perfektes Kunstwerk:
Die „Dinner for Dogs“-Speisekarte!
Frühstück
5 Röllchen feinster Hinterschinken
Wildreis mit gegrillter Hühnchen- oder Putenbrust
drei Toastscheiben oder auch frische Brötchen mit Ziegenkäse (mein absoluter Favorit unter allen Käsesorten)
vier Scheiben kanadischen Wildlachs mit je einem hartgekochten Ei OHNE Toast
2 kleine Hundetrockenfutterstücke (als Appetitzügler, damit das Frühstück nicht zu üppig ausfällt und die Futtermittelhersteller nicht arbeitslos werden )
Mittagessen
500 gr. des bereits erwähnten Rinderfilets (englischgebraten)
150 gr. Nudeln, vorzugsweise Hartweizen-Maccharoni (Nudelnmachen glücklich)
einen Lammknochen mit reichlich Fleisch (gut für die Zähne)
einige weichgekochte Kartoffeln mit etwas Fleischsoße
Als Nachtisch etwas Speiseeis oder auch der bereits erwähnte Bourbon-Vanillepudding
1 kleines Hundetrockenfutterstück (als Appetitzügler, damit das Mittagessen nicht zu üppig ausfällt und die Futtermittelhersteller nicht arbeitslos werden )
Abendessen
5 Geflügelwiener
3 Scheiben deftiges Roggenbrot mit Gutsherrenleberwurst
etwas „Wildes“ (Hirsch, Reh, Hase, Wildschwein oder von jedem etwas)
3 Schweinemedaillons auf Toast, dazu Wildreis, Kartoffelnund Nudeln
4 gekochte Möhrchen und einige Prinzessböhnchen mit Speckangebraten
Als Nachtisch diesmal, anstatt Süßkram, noch einige hauchdünne Scheiben zartes Roastbeef
1/2 Hundetrockenfutterstück (als Appetitzügler, damit das Abendessen nicht zu üppig ausfällt und die Futtermittelhersteller nicht arbeitslos werden)
Der Vorteil dieser Speisekartenzusammenstellung ist, dass sie auf jeden x-beliebigen Wochentag anwendbar ist, und durchaus schon mal das Frühstück zum Mittagessen oder das Abendbrot zum Frühstück werden kann, wobei bitte peinlich genau darauf zu achten ist, dass Mittag- und Abendessen immer sehr reichhaltig ausfallen, da während des Tages Unmengen an Kalorien durch diverse Aktivitäten (erlaubte und nichterlaubte) verbraucht werden.
Die ausgewogene Mischung und Vielfalt des „Dinner for Dogs“ macht es möglich, uns Hunde jeden Tag königlich speisen zu lassen, und dennoch immer die gleichen Dinge auf den Tisch zu bringen. Das erleichtert natürlich ungemein den Einkauf der benötigten Sachen. Apropos Einkauf, die Menschen die nach „Dinner for Dogs“ füttern, werden demnächst bedeutend weniger Rückenprobleme haben, da sie sich nicht mehr mit 20 Kilo schweren Hundetrockenfuttersäcken abschleppen müssen. Josefa und ich haben berechnet, dass bei der „Dinner for Dogs“-Fütterung ein Hundetrockenfutterpaket von gerade einmal 1.000 Gramm mindestens bis zum Verfallsdatum ausreicht! Ist das nicht genial? Wir Hunde wollen eigentlich gar nicht viel, sind von Natur aus sehr bescheiden, möchten es unserem geliebten Menschen stets so einfach wie möglich machen, und ihm unnötige Arbeit und Ausgaben ersparen. Das auf alle Wochentage anwendbare und zur jeweiligen Tageszeit austauschbare „Dinner for Dogs“-Menu bringt dieses Anliegen wohl mehr als deutlich zum Ausdruck.
„Vincent, komm, Futter!“ Nanu, Frauchen ruft! Gerade im richtigen Moment! Hunger hat sich breitgemacht beim Anblick der köstlichen Speisekarte vor meinem inneren Auge. „Viiinciii, nun komm schon, Futti!“ Jadoch, Frauchen, ich eile … Was es nun wohl gibt? Ob sie das Rinderfilet gezaubert hat, oder vielleicht doch die Putenbrust? Hui, bin ich aufgeregt! Klar, Josefa hängt schon über ihrem Napf. Die ist ja noch verfressener als ich! Dabei ist doch gerade die Vorfreude auf den kommenden kulinarischen Genuss das Allerschönste. Wie sie wieder in Windeseile alles runtermampft. Verstehe ich nicht. Wie kann sie ein Roastbeef so einatmen als sei es …. Trockenfutter …! Ich sehe wohl nicht richtig! Es gibt Trockenfutter!
UNSER Trockenfutter, zwar teuer, mit Hähnchengeschmack, Möhrchen und Trockenreis, aber es handelt sich um unser ganz normales tägliches Trockenfutter! Oh Mann, war denn alles nur ein Traum? Okay, fürs Erste fresse ich jetzt mal den Napf leer, geplagt von der schweren Befürchtung, dass die heutige Alternative lediglich ein großes NICHTS sein könnte. Morgen werde ich dann mit Josefa den Schlachtplan ausarbeiten, wie man unentdeckt diese innovativen Sensoren am Kühlschrank anbringt, damit sich zukünftig bereits durch ein leises „Wuff“ das heißgeliebte Möbelstück öffnet. Meta wird Schmiere stehen, schließlich sind Collies Hütehunde. Sie kann also ein Geheimnis hüten und hätte durchaus ihre Vorteile, wenn unser Plan „B“ gelingt.
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